Kein Jenseits

Wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, ist dann das Falsche einziger Maßstab, sprich: der Schein? Mit den Neuen Medien wird für die Medientheorie die Unterscheidung von Schein und Sein immer schwieriger. Warum das so ist und im Grunde auch so sein muß, hat der Kommunikationsprofessor Norbert Bolz auf der Millennium-Konferenz in Kassel erklärt, auf der 200 Teilnehmer über die Bedeutung der neuen Medien- und Computertechniken diskutierten. Medien seien so etwas wie das Apriori unserer Existenz. Da sich jede Wahrnehmung und Empfindung nur mit und durch Medien artikuliere, gäbe es kein Jenseits der Medien. Die neuen computergestützten Medien unterschieden sich von den traditionellen nur durch ihre Aufdringlichkeit. Diese Einsicht hat Prof. Bolz gezwungen, neu darüber nachzudenken, was Medialität heute bedeutet: “es geht in unserer Kultur nicht mehr um religiöse Kommunikation wie bisher, sondern um Kommunikation als Religion.” Wir seien Teil einer bereits “unwiderstehlichen Medienevolution”, von der unsere Kinder auszuschließen, “naiv und pädagogisch unverantwortlich” wäre. Denn “die Medien entfalten sich quasi naturgesetzlich, es gibt keine Option auszusteigen aus dieser Entwicklung.” Daß die Unwiderstehlichkeit der Medienevolution auch die des Medienkapitals für die Medientheorie mit sich bringt, demonstriert Bolz in seinem aktuellen Werk über “Kult-Marketing”. Er empfiehlt dort das “irrationale Begehren” der Konsumenten an das telematische Netz zu knüpfen, das ohnehin als technische “Implementierung der Religion” gelten müsse. Denn “Religio” heiße im lateinischen sowohl Kult, Gottesdienst, aber auch Verbindung. Da wir als Konsum- und Ekstase-Süchtige den Reizen des telematischen Netzes, das unsere Wünsche präzise registrieren und individuell befriedigen werde, nicht widerstehen könnten, sollten wir es auch nicht tun.

Mit seiner Medikation mag Prof. Bolz falsch liegen. Aber einige seiner Diagnosen treffen zu. Das mußte der Sozialpädagoge und Drogenberater Harry Domberg in Kassel von ganz anderer Warte aus bestätigen. Die virtuellen Welten entsprächen den Anforderungen einer postmodernen Droge. Medienerfahrungen schaffen besondere Erlebnisse und Bewußtseinszustände, die genau wie Spielsucht, Sex, Einkaufen und Extremsportarten zu Suchtverhalten führen können. Eine Computersimulation löse in bestimmten Bereichen mehr Emotionen aus als eine reale Handlung, weil in ihr hemmungsloser agiert werden könne. Immer größer werde die Sucht nach Anerkennung und intensiven Gefühlen. Nach Domberg machen wir uns mit den neuen Kommunikationstechniken vor allem vor, in Kontakt zu sein, während sie uns real desorientieren und manipulieren. Solche Töne sind mittlerweile selbst von gestandenen Hackern wie Clifford Stoll zu hören. Im seinem neuen Buch “Silicon Snake Oil” heißt es: “Computer isolieren uns voneinander und schwächen die Bedeutung wirklicher Erfahrung. Sie arbeiten Bildung und Kreativität entgegen.” In Amerika macht sich Ernüchterung breit. Computer backlash heißt der neue Trend. In Kassel waren einige Vertreter dieser Bewegung zugegen. Bill Henderson und die Mitglieder des amerikanischen Lead Pencil Clubs, dessen Präsident er ist, versuchen, alle unnötige Technik zu meiden. Sie sind eine Stimme im wachsenden Chor der Computerskeptizisten, der in Amerika immer mehr Zulauf auch von Computerexperten erhält. Steven Levy etwa, der in Deutschland durch sein Buch über Künstliche Intelligenz bekannt wurde, sieht eine Sicherheitsapokalypse auf uns zukommen. Das Problem bestünde darin, daß die Regierungen Angst hätten, die Benutzer des Internets mit ausreichenden Verschlüsselungswerkzeugen auszustatten, die Datensicherheit gewähren könnten. Für ihn ist entscheidend, wieviel automatische Sicherheitsroutinen in unsere Informationssysteme eingebaut werden. Denn die Praxis zeige, daß die Nutzer die Sicherheit vernachlässigen, wenn sie sich aktiv um sie kümmern müssen. Auch J.C. Herz, die Autorin des Bestsellers “Surfing on the Internet”, ist über Bestrebungen der amerikanischen Regierung besorgt, anläßlich der Cyberporn-Debatte die Kontrolle über das Internet auszubauen. Der Informatikprofessor Wolfgang Coy wies darauf hin, daß auch die EU gegenwärtig plane, unser Recht auf Datenverschlüsselung zu beschneiden. Nicht anders als Amerika befürchten die europäischen Staaten im Zuge der Internationalisierung, die mit dem Internet gleichsam von unten komme, auch Kontrolle über ihre Bürger abgeben zu müssen. Man müsse sich fragen, ob das Konzept der Nationalstaaten nicht in absehbarer Zeit erledigt sei. Werner Klinder vom Genossenschaftlichen Rechenzentrum Kassel kritisierte, daß in den Gesprächen nicht die Rolle der global player angesprochen wurde. Time Warner, Walt Disney, AT&T, Microsoft, Compuserve und America Online hätten den Markt der virtuellen Welten bereits unter sich aufgeteilt. Schon heute würden sie die Netze beherrschen und ihr Geld verstecken können, wo sie wollen. Deshalb sei die Frage, wie wir als Marktteilnehmer in einer solchen weltumspannenden Technologie unsere Rolle definieren wollen. Daß die diskutierten Fragen hauptsächlich um das technisch Machbare kreisten und niemand explizit Fragen nach dem überhaupt Wünschenswerten stellte, zeugt von einem unausgesprochenen Konsens. Ob der auf uns zurollende Medienzug eine technopolische Oligarchie oder eine neue Form basisdemokratischer Weltregierung bringen wird, daran daß er aufzuhalten ist, glaubt keiner mehr. Die professionelle Medientheorie aber präsentiert sich in Deutschland immer häufiger als feedback-Schleife des zirkulierenden Medienkapitals. Sie erfüllt dabei ihre eigene Prophezeiung: Die Gesellschaftstheorie ist ein blinder Fleck.

© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau

Posted on 18. März 2014 in alle Artikel, Frankfurter Rundschau

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