Safety first

Fälschungssichere Ausweispapiere und Geldnoten, Sicherheitsschlösser, ohne die keine Hausratversicherung mehr zahlt, Warensicherungs- und Alarmanlagen: je mehr Sicherheitstechnik uns umstellt, desto sicherer können wir sein, daß wir nicht mehr sicher sind. Das Geschäft mit der Angst blüht, denn immer häufiger ist sie begründet, vor allem die Angst vor dem Verlust des Eigentums. Schließlich kann man nicht immer alles im Auge haben, was einem Wert und teuer ist, z. B. das Auto. Nach den Wegfahrsperren, deren serienmäßiger Einbau sich solange verzögerte, das der Verdacht aufkam, man wolle den umsatzsteigernden Umschlag von gestohlenen Autos in den Osten nicht vorzeitig unterbinden, hat die Motorindustrie die Sicherheitstechnik als ein echtes Zusatzgeschäft erkannt. In fast alle Teile können gegen Aufpreis Minichips versenkt werden, die auch nach völliger Demontage des Objekts der Begierde eine Identifikation mit Hilfe von Lesegeräten erlauben. Daß bei solchen Angeboten nicht Sicherheits-, sondern wirtschaftliche Aspekte vorrangig sind, bewies die Autoindustrie, als sie ein Patent für nachrüstbare Airbags kaufte und dessen Einführung verhinderte. Wer will schon, daß plötzlich jeder Gebrauchtwagen mit einem Airbag auf den Markt drängt?
Auch des Menschen bester Freund, genau wie Pferde, Kühe und sonstiges “Nutzvieh”, läßt sich durch einen winzigen Chip schützen, der mühelos und blitzschnell mit einer Pistole unter die Haut geschossen wird und aus kurzer Entfernung lesbar ist. Für $ 25 Dollar können sie so ihren Ausreißer sichern und in die Datenbank der amerikanischen InfoPet Identifications Systems Inc. eintragen lassen. Allerdings wird es noch dauern bis auch unsere Tierheime mit entsprechenden Lesegeräten ausgestattet sind.

In Australien tragen Krankenhauspatienten den Chip schon an einem kleinen Armband. Verlaufen sie sich durch eine Tür mit Lesegerät, geht der Alarm los. Amerikanische Gefängnisse, die schon aus Platzmangel Gefangene auf fast freien, mit Minisender versehenen Fuß setzen, haben bereits ihr Interesse bekundet. In dem futuristischen Gefängnisfilm “The Fortress ” ist der Höhepunkt dieser Technik zu bewundern. In ihm tragen Schwerverbrecher einen implantierten Minichip mit kleinem Sprengsatz, der das Raumproblem auf gleich zwei Arten angeht. Bewegt sich ein Delinquent außerhalb der ihm zugeordneten Bereiche und Wege, sprengt der Chip automatisch seine Halsschlagader. So läßt sich nicht nur viel Gitterstab sparen, sondern auch die Zahl der Insassen regulieren.

Science Fiction? Vielleicht, doch die Zukunft hat begonnen: ob Türen, die sich öffnen, wenn wir uns nähern, oder Sicherheitskameras in amerikanischen Einkaufszentren, die dank “fuzzy logic” Turnschuhe erkennen, stillen Alarm auslösen und so vor den potentiellen Dieben oder Störenfrieden warnen. Der Medienkünstler Peter Weibel träumt davon, daß sich solche Felder mit Sensoren und Schnittstellen unsichtbar über die ganze Stadt ausbreiten. Unser künftiges Haus werde zu einem programmierbaren Biofeedbacksystem, das erkennt, wie wir uns fühlen und ein entsprechendes Szenario für uns erschafft. Das muß man sich allerdings leisten und wiederum schützen können, was nicht minder intelligente Straßen und Verkehrsleit-, und städtische Sicherheitssysteme übernehmen.

Wenn sich erst über die ganze Stadt die auf amerikanischen Flughäfen schon aufgestellten verschließbaren Metallcontainer mit Bett, TV und Fax verbreitet haben, können wir auch außerhalb unserer persönlichen Hochsicherheitstrakte in städtische Zellen geschützter Privatheit fliehen. Hauptsache sie sind metallverkleidet. Andernfalls werden wir auch in ihnen mit den gerade entwickelten hochfrequenten Terrawellen-Lasern belauscht werden können, die durch nicht-metallische Stoffe hindurchgehen und dabei charakteristische Abstrahlungen erzeugen, die sich auf einem Detektor lesen lassen. Selbst ein mit unsichtbarer Geheimtinte geschriebener Brief verursacht eine solche Brechung und ist auch geschlossen lesbar. Immerhin: Terrawellen erkennen genauso die Zusammensetzung von Abgasen, gefährliche Fehler in Baumaterialien und lassen sich bei der Suche nach Waffen und Drogen einsetzen.

© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau

Posted on 18. März 2014 in alle Artikel, Frankfurter Rundschau

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